Die
Beschäftigung mit dem historischen Phänomen der Hexenverfolgung war
im 18. Jahrhundert wesentlich vom aufklärerischen Impuls getragen,
Hexenprozesse endgültig abzuschaffen und Aberglauben zurückzudrängen.
Dies jedenfalls trieb den Hallenser Juristen Christian Thomasius an,
seine Dissertation De Crimine Magiae (1701) nur elf Jahre später um
einen rechtshistorischen Teil zu ergänzen. Und es motivierte auch
1784 noch den pietistischen Pfarrer Johann Moritz Schwager zu seinem
Versuch einer Geschichte der Hexenprocesse . Zwar lassen sich im 19.
Jahrhundert gleichfalls aufklärerische Antriebe ausmachen, aber
dennoch überwiegt beim Blick auf die Historiographie der
Hexenprozesse der Eindruck einer konfessionellen Konfrontation, von
der sich selbst die professionelle Geschichtsschreibung nicht
freizumachen vermochte. Denn jene war im großen und ganzen geprägt
von den Konflikten zwischen säkularem Staat und katholischer Kirche,
die in der zweiten Jahrhunderthälfte im Syllabus errorum (1864), im
Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanischen
Konzil (1870) und im Kulturkampf gipfelten.
Zwischen
Aufklärung und "Soldan-Paradigma"
Erste
wichtige Pflöcke der Hexengeschichtsschreibung schlug Georg Conrad
Horst mit seiner Daemonomagie oder Geschichte des Glaubens an Zauberei
(1818) und der berühmten sechsteiligen Zauberbibliotkek (1821-1826)
ein. Der Lindheimer Pfarrer bemühte sich nicht nur um konfessionelle
Ausgewogenheit im Urteil, sondern richtete sich in seinen aus den
Akten geschöpften und mit aufklärerisch-pädagogischen Absichten
geschriebenen Ausführungen an ein breites Lesepublikum; bedenkliche
Quellenpassagen, wie etwa die unter Folter eingeräumten sexuellen
Ausschweifungen vermeintlicher Hexen mit dem Teufel, ließ er unübersetzt,
da er sie seinen Lesern nicht zumuten und wohl auch dem Zensor zuvor
kommen wollte.
In
den 1830er Jahren begann ein verhaltener Aufschwung
lokalgeschichtlicher Abhandlungen, und mit Johann Georg Theodor Grässes
umfangreicher Literatursammlung Bibliotheca Magica et Pneumatica
(1843) lassen sich zudem erste Systematisierungsbestrebungen auf dem
historischen Untersuchungsfeld des "Zauber-, Wunder-, Geister-
und sonstigen Aberglaubens" erkennen. Den Rang eines
Standardwerks erklomm die noch im gleichen Jahr erschienene Geschichte
der Hexenprocesse des lutherischen Theologen und hessisch-darmstädtischen
Landtagsabgeordneten Wilhelm Gottlieb Soldan. In Rankescher Manier präsentierte
Soldan dem Leser aus den Quellen eine ganze Reihe schrecklicher
Beispiele und verzichtete auf quantitative Aussagen - ein für die
seriöse und rationalistisch ausgerichtete Geschichtsschreibung des
Jahrhunderts charakteristisches Verfahren. Soldans Werk blieb im 19.
Jahrhundert unerreicht und setzte neue Maßstäbe, indem es überprüfbare
Fälle präsentierte. Mit einer gewissen Berechtigung hat William
Monter daher vom "Soldan-Paradigma" gesprochen. Bis heute
findet die Untersuchung in der dritten überarbeiteten Fassung von Max
Bauer (1911) und leider auch in vielfach gekürzten Reprints ihren
Platz in den Regalen von Buchhandlungen und Antiquariaten.
Romantisch-katholische
Zugänge
Bereits
Jacob Grimm hatte in seiner Deutschen Mythologie (1835)
vorchristlich-germanische Mythen in den Hexenprozeßakten zu entdecken
gemeint und die Quellen vielfach als Tatsachenberichte gelesen. In
diesem Zugriff ist analog zum "Soldan-Paradigma" ein
"romantisches Paradigma" in der Hexengeschichtsschreibung
ausgemacht worden (Wolfgang Behringer). Hierzu ist dann auch Joseph
von Görres zu zählen, der dem Hexenwesen ebenfalls ein hohes Maß an
Realität zubilligte. Sein zwischen 1836 und 1842 erschienenes Spätwerk
Die christliche Mystik , dessen neuntes und letztes Buch er ganz dem
Hexen- und Zauberwesen widmet, ist ein prominentes Aushängeschild
katholischer Hexengeschichtsschreibung. In der konfessionspolitisch
aufgeheizten Situation während des Mischehenstreits und der Kölner
Wirren zeigte sich deutlich, daß katholische Kreise bestrebt waren,
eine Mitverantwortung der Kirchenführung an den Hexenverfolgungen zu
bestreiten und die Geschichtsschreibung für das politische Tagesgeschäft
zu instrumentalisieren. Der zum Katholizismus konvertierte Görres
stellte den Päpsten in Sachen Hexenverfolgung ausdrücklich einen
Persilschein aus, wenn er resümiert: "Man muß vielmehr auch
hier den Päpsten das Zeugniß geben, daß sie durchgehend mäßigend
und mildernd verfahren, und dem Geiste der Zeiten behutsam nachgehend,
die gewonnene Einsicht immer in eine bessere Praxis einzutragen sich
bemühten" (Mystik, Bd. 5, 9. Buch, S. 652). Auch daher überrascht
es wenig, daß die "Mystik" während des Kulturkampfs erneut
aufgelegt wurde. In der Folge engte der an Ranke orientierte
Historismus den romantischen Interpretationsspielraum freilich ein,
und die Quelle geronn auch innerhalb der katholischen
Geschichtsschreibung zum wichtigen Korrektiv.
Geschichtsschreibung
im Kulturkampfsog
Spätestens
mit der Gründung des kleindeutschen Bismarckreiches geriet die
historische Erforschung der Hexenverfolgung in den Bann des
Kulturkampfes. Dazu bei trug sicher wesentlich, daß Historiker von
Beginn an die Rolle von Kirche und Staat in den Mittelpunkt ihres
Interesses gestellt hatten, womit sich ein unmittelbarer Bezug zu den
aktuellen Auseinandersetzungen zwischen Staat und Kirche herstellen
ließ. Eng verknüpft mit diesen Konflikten ist die berühmt-berüchtigte
"Neun-Millionen-Theorie", um die sich ein intensiver Zwist
entspann. Diese hartnäckige, bis in die feministisch inspirierte
Hexenforschung der 1970er und 1980er Jahre hinein wirksame These,
wonach die Hexenverfolgungen neun Millionen Opfer gefordert hätten,
entstand bereits im späten 18. Jahrhundert. Verantwortlich dafür
sind abstruse Fehlberechnungen des Quedlinburger Stadtsyndikus
Gottfried Christian Voigt. Eine breitenwirksame Plattform erhielt sie
indes erst durch den Wiener Theologen Gustav Roskoff, der die
ungeheure Zahl in seine zweibändige Geschichte des Teufels (1869)
aufnahm. In den Auseinandersetzungen um das päpstliche Infallibilitätsdogma
wuchs der Opferzahl ein hoher Stellenwert zu, denn sie bekam eine
politische Stoßrichtung. Dies spiegelt sich faßlich in der 1880 veröffentlichten
und konfessionspolitisch zugespitzten Fassung des "Soldan"
durch den Professor für evangelische Theologie und Schwiegersohn
Soldans, Heinrich Heppe. Der "Soldan-Heppe" setzte nun neue,
protestantische Akzente gegenüber der liberalen ersten Ausgabe aus
dem Vormärz. Obwohl Heppe mit den falschen Berechnungen vertraut
gewesen sein muß, bezifferte auch er die Opferzahl nun auf Millionen.
Weniger
seriös arbeitende Autoren griffen die Zahlen begierig auf. Um die
Wende zum 20. Jahrhundert trieb der Ex-Jesuit und Außenseiter Paul
Graf von Hoensbroech in seinen historischen Publikationen über die Päpste
und den Ultramontanismus die Kontroverse auf einen neuerlichen Höhepunkt.
Durch seine eigenwillige Biographie gewann er für den
radikal-wilhelminischen Protestantismus den Status eines Kronzeugen im
Kampf gegen die romorientierte Kirche. In den gehässigen Tiraden
seiner wirksamen Streitschriften verstieg sich das zeitweilige
Vorstandsmitglied des ultraorthodoxen »Evangelischen Bundes zur
Wahrung der deutsch-protestantischen Interessen« zu derben Anwürfen
gegen Papsttum und Jesuiten. Gerade die Hexenverfolgungen dienten ihm
dabei als Beleg einer zeitlosen abergläubischen Befangenheit der
katholischen Kirche und ihrer Päpste.
Gegen
die dominierende protestantische Sicht setzten sich katholische
Autoren von Beginn an vehement zur Wehr. Der katholische Pfarrer
Johann Diefenbach verteidigte in einer viel beachteten Studie über
den Hexenwahn 1886 nachdrücklich die frühneuzeitlichen Kirchenführungen.
Der Inspektor der Deutschordenskommende in Frankfurt am
Main/Sachsenhausen gab sich erhebliche Mühe, die Wurzeln der
Hexenprozesse im Absolutismus und die alleinige Verantwortung in der
Reformation auszumachen. Er schätzte die Opferzahl auf 100.000 und
wies nach, daß die "Neun-Millionen-Theorie"
protestantischen Ursprungs war. Diefenbach sah die "katholische
Kirche in der Schuldfrage" ins Unrecht gesetzt und erneuerte den
Persilschein von Görres. Der Pfarrer wandte sich damit ausdrücklich
gegen den "Soldan-Heppe" und gegen eine
protestantisch-borussisch dominierte Historiographie, die nun die
Geschichte der Hexenprozesse kleindeutsch anstrich und die katholische
Kirche als Haupttäterin einstufte.
Zentrale
katholische Figur des ausgehenden 19. Jahrhunderts war Johannes
Janssen, Zentrumspolitiker und bedeutendster katholischer Historiker
seiner Zeit, der in seiner achtbändigen, in zwanzig Auflagen
erschienenen Geschichte des deutschen Volkes ausführlich auf die
Hexenverfolgungen einging. Der entsprechende Band wurde freilich erst
nach seinem Tod von Ludwig von Pastor geschrieben (1894). Zwar wird
man sagen können, daß Janssens/Pastors Urteile vergleichsweise
moderat ausfielen, aber der Grundtenor blieb tendenziös. Ähnliches
gilt für Bernhard Duhrs Werk Die Stellung der Jesuiten in den
deutschen Hexenprozessen (1900). Duhr rekonstruierte die Rolle von
katholischer Kirche und Jesuiten aus kirchlichem Aktenmaterial, so daß
man bei allen tendenziösen Interpretationen festhalten kann, daß das
quellenorientierte "Soldan-Paradigma" auch in die
katholische Geschichtsschreibung hineinwirkte.
Liberale
Positionen und interdisziplinäre Aktivitäten
Der
Instrumentalisierung in radikalprotestantischen Kreisen steht um 1900
ein Aufschwung unpolemischer Hexenforschung zur Seite, der sich zumal
in regionaler Forschung niederschlug. Allerdings blieben auch diese
Untersuchungen bestimmt von dem Wunsch, eine "wirkliche Erklärung"
zu finden, und weit davon entfernt, Hexenprozesse als zeitgenössisches
Bedürfnis zu akzeptieren. Die einer konfessionellen Position
weitgehend unverdächtigen Historiker Sigmund Riezler, Moritz Ritter
und Joseph Hansen legten ernstzunehmende und fundierte Studien über
die Hexenverfolgungen in Bayern, einen Gesamtüberblick sowie eine
Arbeit über die geistesgeschichtliche Genese des mittelalterlichen
Hexenwahns vor. Hatten die zahllosen zeitgenössischen Lokal- und
Regionalstudien des 19. Jahrhunderts in der Regel Details aneinander
gereiht und - oft nahezu wörtlich - Prozeßverläufe dokumentiert, so
verfolgten Riezler, Ritter und Hansen systematische Problemstellungen
und grenzten die Gipfel der Hexenverfolgung auf die Jahrzehnte
zwischen 1580 und 1630 ein.
Interdisziplinäre
Aktivitäten sind bereits bei den Mesmeristen des frühen 19.
Jahrhunderts zu erkennen. Der Vielschreiber und Magnetismusexperte
Joseph Ennemoser ist dafür ein bekanntes Beispiel, wollte er doch
zahlreiche, ihm aus einem gründlichen Studium von Hexenprozeßakten
bekannte krankhafte Erscheinungen nun mit der therapeutischen Methode
des animalischen Magnetismus heilen. Von den einem religiösem
Dogmatismus abgewandten Autoren aus nichthistorischen oder
Nachbardisziplinen seien nur drei weitere genannt: der Bonner
Medizinhistoriker Carl
Binz, der vor allem frühe Gegner der Hexenprozesse ins Blickfeld
rückte, der Psychiater Otto Snell sowie Sigmund Freud (vgl. dazu den
Artikel von Günter Jerouschek). Sie alle trugen bereits verhältnismäßig
früh dazu bei, den Blick von den obrigkeitlichen Akteuren der
Hexenverfolgungen auf andere Bereiche, wie etwa die Opfer- oder
Patientenperspektive, auszuweiten., der vor allem frühe Gegner der Hexenprozesse ins Blickfeld
rückte, der Psychiater Otto Snell sowie Sigmund Freud (vgl. dazu den
Artikel von Günter Jerouschek). Sie alle trugen bereits verhältnismäßig
früh dazu bei, den Blick von den obrigkeitlichen Akteuren der
Hexenverfolgungen auf andere Bereiche, wie etwa die Opfer- oder
Patientenperspektive, auszuweiten.